Wenn das Leben uns anält

Wenn das Leben uns anhält

Der Psychologe Leon Windscheid beschreibt drei mögliche Arten, auf ein Leben zurückzublicken.
Jemand, der ein Leben voller Zufriedenheit geführt hat, sagt am Ende: „Ich hatte Spaß.“
Jemand, der ein sinnerfülltes Leben geführt hat, sagt: „Ich habe einen Unterschied gemacht.“
Doch jemand, der ein psychologisch reiches Leben geführt hat, wird vielleicht sagen: „Was für eine Reise.“

Eine solche Reise verläuft nicht nur durch lichte, leichte Zeiten. Sie führt auch durch Phasen der Erschöpfung, der Zweifel und der Orientierungslosigkeit. Zeiten, in denen das Leben plötzlich langsamer wird oder uns ganz anhält.

Tiefpunkte können dauern.
Wir sind lustlos, fühlen uns ausgelaugt und erschöpft. Die Motivation ist verschwunden. Wir fühlen uns leer, gelähmt und hoffnungslos. Nichts macht mehr Freude, und alles scheint in ein bedrückendes Grau getaucht. Manchmal wünschen wir uns einfach nur zu schlafen, so lange, bis wir wieder aufwachen und dieser Tiefpunkt vorbei ist.

In solchen Phasen fallen wir oft automatisch in alte Überzeugungen, Denk- und Gefühlsmuster zurück, obwohl wir doch wissen, dass sie uns nicht guttun. Dann taucht der Gedanke auf, dass wir offenbar nichts verstanden haben. Dass all die Arbeit an uns selbst nichts gebracht hat. Wir verurteilen uns dafür, dass wir immer noch nicht besser, immer noch nicht fürsorglicher, immer noch nicht liebevoller mit uns selbst umgehen. Und dann kommt die Angst. Die Angst, dass wir es vielleicht niemals schaffen werden. Die Angst, festzustecken und nie wieder herauszufinden.

Doch diese Angst ist unbegründet.

Tiefpunkte sind normal. Feststecken ist normal. Manchmal ist es sogar notwendig. Es sind Phasen, in denen wir lernen dürfen, uns selbst auszuhalten, so wie wir gerade fühlen. Phasen, in denen wir Ja zu uns selbst sagen, genauso wie wir gerade sind.

Es sind Zeiten, in denen wir uns erlauben dürfen, nichts von uns zu erwarten, nichts von uns zu fordern und uns nicht anzutreiben. Zeiten, in denen wir geduldig mit uns selbst sein dürfen.

Tiefpunkte gehören zum Leben. Feststecken bedeutet nicht Stillstand. Vielleicht steckst du gar nicht fest. Vielleicht befindest du dich einfach zwischen dem, was gewesen ist, und dem, was erst noch entstehen will. Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Im Jetzt.

Und genau in diesem Jetzt wird etwas möglich, das wir im Lärm des Alltags oft überhören: uns selbst zuzuhören. Wirklich zuzuhören.

Tiefpunkte sind die Phasen, in denen wir anwenden dürfen, was wir auf unserem Weg gelernt haben: Selbstmitgefühl. Auch wenn wir es in diesem Moment vielleicht noch nicht erkennen können, haben solche Zeiten einen Sinn. Darauf dürfen wir vertrauen.

Manchmal führt die Reise des Lebens nicht nach vorne, sondern nach innen.

 

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